You are Wanted bei Amazon Prime – Review

Für eine deutsche Produktion ist die Serie handwerklich schon auf sehr hohem internationalen Level.
Ton, Kamera, Schnitt, Szenerie, das alles passt sehr gut. Ich war um ehrlich zu sein angenehm überascht. Sogar die Schauspielerische Leistung war die meiste Zeit in Ordnung… abgesehen von ein paar hölzernen und nicht authentisch wirkenden Dialogen.
Aber, was die Serie bei der Optik etc. richtig macht, macht sie an vielen anderen Stellen falsch, wofür meines Erachtens einerseits die knappe Ausgestaltung als nur 6 Folgen umspannende Miniserie verantwortlich zu machen ist, aber andererseits eben auch, dass man sich beim Drehbuch schreiben diesem Umstand nicht lang genug bewusst gemacht hat.

Stattdessen hat man krampfhaft versucht den Charakteren trotzdem Tiefe zu geben, und den Plot so anspruchsvoll wie möglich zu machen. Rausgekommen ist dabei allerdings genau das Gegenteil, die Charaktere wirken extrem flach und der Plot strotzt nur so vor Ungreimtheiten, Logiklöchern und offenen Fragen. Zudem sind alle Hauptprotagonisten über die Maßen Stereotyp gehalten.
Da ist der gutsituierte Hotelmanager, mit Topjob im Walddorf-Astoria, der mit seiner Bilderbuchfamilie in einem Berliner Vorort ein Leben führt, dass dem der amerikanischen Mittelschicht in Nichts nachsteht. Da ist die übercoole mysteriöse Politbloggerin die Nachts in Lederjacke und Heels ohne Helm, aber mit Sonnebrille Motorad fährt, und mit Handfeuerwafen umzugehen weiss. Da sind die Hacker in Hoodies in dunklen Hinterzimmern, eine kettenrauchende Kommisarin des „Berliner FBI“, dass in jeder Folge mindestens einmal mit dem SEK anrückt welches aber nie was gebacken kriegt – obwohl der Gesuchte mehrmals zu Fuß vor deren Nase rumläuft. Und da ist ein BND der wie eine schlechte Karikatur amerikanischer Dienste wirkt…“Darfschein vom Kanzleramtsminister LOL!“

Zudem sorgen ewig lang wirkende Monologe – wie der des Hackers Dalton als er vom Tod seines Hackerfreunds erfährt – nur dafür, dass die ohnehin schon kurze Zeit zur Entwicklung der Story noch mehr verkürzt, und der Zuschauer noch mehr glangweilt wird.
Und so kommen wir auch zum Kern der Sache, der fehlenden Spannung…der Serie gelingt es leider über weite Strecken nicht den Zuschauer wirklich einzufangen, ich selbst habe dies extrem gemerkt als ich mich regelrecht dazu zwingen musste die letzten 2 Folgen noch anzuschauen, obwohl ich sonst schon sehr stark zum Binge-Watching neige, wenn mich ein Plot eingfangen hat, auch bei wesentlich längeren Staffeln.

Die Serie plätschert also die meiste Zeit nur so dahin, ich habe mich an meinem Abend mit Schweighöfers großem Wurf mehrmals dabei ertappt, dass ich mehr mit dem Smartphone rumgespielt habe als zuzuschauen. Und so kann ich in diesem Fazit leider nicht ganz darüber urteilen ob die Story wirklich so aus dem Stift gezogen war, wie ich sie aufgenommen habe, oder ob ich manches einfach nicht richtig verstanden habe weil ich nicht richtig aufgepasst habe, oder gar zu doof bin. Vielleicht können Sie mir ja helfen…?

Achtung SPOILER!
Hier mal nur ein paar Fragen die mir so aus dem Stehgreif zur Serie einfallen:
– Wieso kennt Franke die Dame in der Klappsmühle? War er selbst mal Insasse? Obwohl seine Medikation mit Pretnisol ja nur ein Setup des Hackers war… Und was hat der Handabdruck seines Sohnes dort verloren?
– Wieso ist der Fingerabdruck seines Sohnes dass Passwort für Hanging Man? Obwohl Franke ja nur irgendwie in die Sache reingerutscht zu sein scheint? Oder besteht eine Verbindung/Vorgeschichte mit Franke und dem brennenden Hacker vom Beginn? Obwohl Franke dessen Name in Folge 1 ja scheinbar nicht kennt.
– Hat der Oberschurke Marc Wessling einen Tag der Länger als 24h ist? Oder wie kriegt er es hin gleichzeitg IT-Unternehmer, Dreadnought-Ultragamer, Hacker, Verschwörer, Strippenzieher, Schurke und BND Innendienst-Mitarbeiter zu sein?
– Was soll der der Schmu mit dem Bruder von Lena? Warum hat man sie überhaupt eingeführt wenn ihr Ende letztlich so bedeutungslos für den Plot ist?
– Warum will Marc Frankes Sohn zunächst als Bombenattentäter missbrauchen, obwohl er nur wenige Minuten später im Auto auf der Flucht dann doch von der Möglichkeit weiss den Fingerabdruck des Jungen als Passwort für Hangingman zu benutzen?
– WTF ist Hanging man? Wieso wird ein Kind in der Tiefgarage des BND nicht bemerkt? Und wie konnte man beid er abschließenden Explosion des Schurken nur dermaßen patzen, dass jeder Zuschauer den Toten am Wagen direkt als Stuntdummi erkennen muss…? ^^

Mehr Fragen zum Ende kann ich nicht stellen, da ich nach der Explosion, leider wieder mit dem Handy spielen musste… Es reicht aber denke ich erstmal…
Ich für meinen Teil bin nach dem Konsum der 6 Folgen alles andere als dabei… eine 2te Staffel brauch ich jetzt nicht unbedingt, denn ich glaube nicht dass es dort gelingen würde den Anfangsmurks auszubügeln. Die Serie insgesamt ist meiner Meinung nach als „so lala“ einzustufen, ich würde sie weder zum Anschauen empfehlen, noch davon abraten.

Also dann, so long, euer Rambomann 😉
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Edit: INTERNATIONALER ERFOLG!?
Nach kurzer Recherche aus Neugier auf Amazon.com und Amazon.co.uk fiel mir beim Betrachten der dortigen Userrezensionen direkt auf, dass Amazon es wohl versäumt hat die weltweit veröffentlichte erste deutsche Streamingserie so zugänglich zu machen, dass der faule englischsprachige Nutzer sie gleich mit Untertiteln oder in der amerikanischen Syncro sehen kann. Und dass obwohl man sie extra für teuer Geld in Englisch, Französisch etc. syncronisiert hat, was meiner Kenntniss nach so bisher noch nie für ein deutsches Format gemacht wurde.
Stattdessen kriegen die meisten User beim Click auf die Serie scheinbar nur den deutschen O-Ton zu hören. Das schreckt natürlich ab, und scheint mir der wesentliche Sargnagel für Matthias Schweighöfers internationalen Durchbruch, und eine Fortsetzung des Formats zu sein…
Und auch die Anzahl der Rezensionen in Amerika gerade um die 9, und UK so etwa 2… im Vergleich zu den Deutschen Nutzerrückmeldungen (derweil über 1000 Rezensionen), lässt darauf schließen, dass die Serie weltweit wohl floppen wird…
Schade eigentlich, denn vielleicht hätte man so endlich mal den Turnover geschafft, und das deutsche Fernsehen langfristig aufwerten können. :/

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